Wenn Terrorismus zu Social-Media-Terror führt

Brandenburger Tor

Freitag, gegen 23 Uhr. Ich liege auf der Couch, schaue seit ein paar Stunden Serien und arbeite meinen Feedreader ab, weil ich schon mehrere Tage hinterher hänge. Ich finde einen witzigen Beitrag auf BuzzFeed The Verge, in dem mit Drake-Gifs die neuen Gesten-Optionen von Android-Wear vorgestellt werden. Ich share diesen Beitrag nichts Böses ahnend bei Twitter, nur um wenige Sekunden später von einer Horde der Empörten mit Fackeln und Mistgabeln angeflaumt zu werden „Timing!?“ und „Geht gar nicht“ werden mir an den Kopf geworfen.

WTF? Was ist da los? Kurzer Check im Netz: In Paris gab es eine Serie schrecklicher Terroranschläge.

Ein kurzer Blick auf Twitter und Facebook offenbarte: da ist wieder der gleiche Mist am Laufen, wie immer bei solchen Vorkommnissen. Ich will das hier mal am Fall der Pariser Terrorattacken aufdröseln, grundsätzlich passiert das aber genau in dieser Form bei jeder Katastrophe.

Stufe 1: Jeder Mist wird geteilt, ohne auch nur für einen Sekundenbruchteil darüber nachzudenken

Nachdem man am Samstag damit fertig war, die völlig überforderten Moderatoren fertig zu machen, haben viele das Heft selbst in die Hand genommen. So schwer kann ja schließlich dieser „Journalismus“ nicht sein. Da wird geteilt und retweetet was das Zeug hält. Yeah! Neue Zahlen zu den Toten! NOCH MEHR TOTE! Schnell retweeten! Das müssen alle wissen! Ha! Schneller als ARD und ZDF! WOAH WOAH! Ist da gerade noch ein anderer Anschlag? Da ist ein Bild von einem brennenden Gebäude! So krass! SHARE!

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Dabei wird auch nicht ansatzweise überlegt, ob die Quelle vertrauenswürdig oder die Information verlässlich ist. Es wird dabei auch nicht nachgedacht, was man da teilt. Das krasseste Beispiel waren diesmal Tweets mit Standorten von anrückenden Polizeikräften. Schnell teilen! Müssen alle sehen! Natürlich wird nicht darüber nachgedacht, dass dies auch den Angreifern in die Hände spielt…

Mein persönliches Highlight waren massenweise Retweets des Accounts UberFootbalI. Dieser twitterte ein Bild von einer Menschenmenge. Dort solle man angeblich einen solidarischen Marsch von Berlinern sehen. Dumm nur, dass dieses Bild nicht nur 6 Monate alt war, sondern auch noch einen Pegida-Aufmarsch zeigte…

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MASSENWEISE Leute echauffierten sich über einen Tweet von @FDPbundestag. Dort war rechte Hetze zu lesen. Und weil der Twitter-Account FDPbundestag heißt, muss das natürlich von der FDP kommen. Ein kurzer Klick auf den nun suspendierten Account machte aber sofort klar: den betreibt eine Privatperson (Name stand sogar im Profil). Außerdem fehlte der blaue Haken, an dem zu erkennen ist, dass es sich um einen offiziellen Twitter-Account und somit auch nicht um ein offizielles Statement der Partei handelt.

Die Sache wird aber noch absurder! Eine SPD-Politikerin postete einen Screenshot von besagtem Tweet, auf dem zu sehen ist, dass der Tweet einige Stunden vor den Attacken in Paris getwittert wurde. Hätte sie den Tweet mal selbst angeklickt, hätte Sie festgestellt, dass der Tweet nach den Attacken getwittert wurde. Wie das mit der Uhrzeit sein kann? Ganz einfach: ist man bei Twitter nicht eingeloggt, werden die Zeiten von Tweets in einer anderen Zeitzone (vermutlich USA) angezeigt und nicht der eigenen, also ein paar Stunden versetzt.

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Das eigentlich verstörende daran: sie wurde recht schnell darauf hingewiesen, was es mit der Uhrzeit in dem Tweet auf sich hat. Hat diesen aber nicht gelöscht, sondern die Leute einfach fleißig weiter retweeten (138 sind es aktuell)  und Verschwörungstheorien verfassen lassen…

Gut gemeint, aber… 

Dann waren da noch die massenweisen Tweets, die auf Hashtag-Aktionen wie #PorteOuverte hinweisen, die Menschen helfen sollen. Die Intention ist zwar ganz nett, aber es würde reichen, wenn man sowas retweetet. Nicht jeder muss dazu einen eigenen Tweet verfassen und damit diese Hashtags regelrecht zumüllen. Nach wenigen Minuten war dieser Hashtag im Grunde genommen nicht mehr zu gebrauchen, weil im Sekundentakt hunderte Tweets reinkamen, dass man unter diesem Hashtag Hilfe bekommt. Die eigentlichen Hilfsangebote waren dazwischen nur schwer zu finden.

Stufe 2: Bühne für Idioten

Natürlich dauerte es auch hier nicht lange, bis rechte Idioten aus Ihren Löchern krochen und mit der Hetze anfingen. Natürlich muss man solche Tweets und Facebook-Beiträge UNBEDINGT sharen und zum Ausdruck bringen, was das doch für Arschlöcher sind…

Das Problem dabei: diese Leute bekommen eine riesengroße Bühne, die sie gar nicht verdient haben. Wäre es also nicht angebrachter, sich nicht über diese Idioten zu empören und sie mit ihrer „Meinung“ einfach im Regen stehen zu lassen?

Stufe 3: Hört doch auf zu beten!

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Mittlerweile kamen keine neuen Informationen mehr. Die Attacken waren vorbei. Das Blut ist aber in Wallung! Was nun? Ah! Da benutzen Menschen den Hashtag „#PrayForParis“! Denen werde ich was erzählen!

Ich selbst bin kein religiöser Mensch. Ich respektiere aber jeden, der gläubig ist. Zumindest solange, bis er anfängt mir seinen Glauben aufzwängen zu wollen. Wenn nun Leute #PrayForParis benutzen, um ihr Mitgefühl auszudrücken, ist es meiner Meinung nach völlig unnötig, diese Menschen dafür anzublaffen und mit Argumenten wie „Nur wegen Religion haben wir diesen Schlamassel hier“ anzugehen.

Merke: Religionen töten keine Menschen. Menschen töten Menschen.

Generell finde ich, sollte man Leute, die auf ihre Art und Weise trauern, nicht dafür anblaffen, dass sie trauern. Klugscheißerei ist in solchen Momenten absolut nicht angebracht. Eigentlich sollten uns solche grausamen Ereignisse auch eher näher zusammenbringen, als uns noch weiter auseinander zu treiben…

Stufe 4: Äh hallo? Wo bleibt die Aufmerksamkeit für Libanon (und andere schlimme Dinge)?

Und wie immer: Ey in Afrika sterben täglich tausende Kinder. Da trauert ihr nicht! Und was war denn mit den Anschlägen im Libanon (und anderswo?) Warum trauert und betet ihr denn da nicht? Zählen französische Menschenleben mehr als die von Libanesen oder Syrern?

Auch wenn die Fragen grundsätzlich berechtigt sind, ist es spannend zu sehen, dass man in den Timelines der Empörten oft auch keine Tweets zu diesen Themen findet.

Übrigens gibt es auch eine Erklärung dafür, warum eine Attacke in Paris mehr Aufmerksamkeit als eine im Libanon bekommt. Das ist nicht schön, daran müsste man vielleicht mal arbeiten. Empörungs-Tweets werden daran aber ganz sicher nichts ändern.

Stufe 5: Profilbildwechsel und Kerzen helfen den Menschen auch nicht!

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Stufe 4 und 5 passieren meist fast zeitgleich. Es ist an der Zeit seinen Avatar zu wechseln! Flagge zeigen! Mitgefühl ausdrücken. Aber das passt einigen genauso wenig wie Gebete. Ich habe auf Facebook sogar gesehen, wie jemand angeblafft wurde, weil er ein Bild von einer Kerze gepostet hat mit dem Hashtag #NousSommesUnis. Ähnlich wie Stufe 4, wird auch hier Heuchelei vorgeworfen. Warum kein Profilbildwechsel für Attacken im Libanon oder Syrien? Hm? HM?? 

Auch hier mag der Kern der Aussage richtig sein: es hilft in der Tat niemandem, wenn man sein Profilbild wechselt. Aber immerhin drückt man Solidarität aus. Ich finde nicht, dass man Leute anmaulen muss, weil sie Solidarität für etwas ausdrücken. UND natürlich: wie hast du den Menschen damit geholfen, dass du jemandem vorwirfst, dass er mit seiner Aktion nicht hilft? Ganz genau, überhaupt nicht. Also einfach weiterscrollen und ignorieren.

Fakten checken!

Nach rund 2 Stunden all dieser Dinge oben, hatte ich genug von Twitter und Facebook. Ich habe einfach alles ausgemacht. Ich habe den kompletten Samstag (außer einem automatischen Share zu Twitter und Facebook von Instagram) einfach mal nichts von mir gegeben, auch am Sonntag blieb Social Media bis auf wenige Ausnahmen zu. Zum einen, weil ich es nicht mehr ertragen konnte, wie Menschen da miteinander umgehen und zum anderen, weil ich zum Thema nichts beizutragen hatte. Das ist das erste Mal seit Anbeginn von Social-Media, dass ich eine solche Pause eingelegt habe. Und nein, das war nicht erholsam…

Mir ist immer ganz wichtig, dass jeder Social Networks so benutzt, wie er es für richtig hält. Es gibt kein richtig oder falsch. Ich will daher auch niemandem vorschreiben, was er wann zu twittern hat und was nicht. Aber ich würde mich freuen, wenn ihr einen oder ein paar der folgenden Tipps zukünftig mal bedenkt, bevor ihr euch der Empörungs- und Fehlinformations-Maschinerie hingebt.

  • Journalisten und Medien nieder machen, weil diese nicht schnell genug mit Informationen rüberkommen bringt nichts. Gerade von diesen Menschen und Institutionen erwarte ich, dass ich handfeste und bestätigte Informationen bekomme. Mag ja sein, dass auf Twitter schon irgendwas seit ein paar Minuten steht, aber ohne gesicherte Quelle und Bestätigung ist diese Information im Grunde genommen wertlos.
  • Die Leute, die ihr da im Fernsehen seht, sind nicht immer automatisch Journalisten. Manche sind auch „einfach nur“ Moderatoren, die dann auf Informationen von anderen angewiesen sind. Bitte auch das berücksichtigen.
  • Müssen im Sekundentakt Informationen kommen? Ist es wirklich wichtig, dass die Zahl der Toten ständig und sofort aktualisiert wird? Ist es in diesem Moment wirklich wichtig, ob es nun 120 oder 140 Opfer gibt?

Wenn ihr der Meinung seid, dass es wichtig ist, dass eure Follower von Dingen von euch und nicht von anderen erfahren, dann sorgt wenigstens dafür, dass eure Infos handfest sind.

  • Schaut mal nach, von wem die Info da kommt. Ist er am Ort des Geschehens? Warum hat er diese Infos?
  • Bilder einfach mal durch die Google Bildersuche oder Tinyeye jagen um zu prüfen, ob diese nicht eventuell einfach ergoogelt und für ein paar Likes / Shares missbraucht wurden.
  • Klickt einen Tweet oder Beitrag an und checkt die Mentions / Antworten. Vielleicht haben sich ja schon andere die Mühe gemacht und diesen Beitrag für Bullshit erklärt (siehe oben mein Beispiel mit der Politikerin)
  • Teilt die gleiche Information nicht drölfzig Millionen mal, nur weil sie von verschiedenen News-Quellen kommt. Einmal reicht. Wirklich.

Weiterscrollen und Ignorieren

Und anstatt nun Leute anzugreifen, die irgendwas tun, was euch nicht in den Kram passt: einfach weiterscrollen und ignorieren. Es hilft einfach niemandem weiter, wenn wir uns in solchen furchtbaren Momenten gegenseitig an die Kehle springen.

Ich muss ehrlich zugeben, dass mir dieser Teil auch sehr sehr oft sehr schwer fällt, aber glaubt mir, wenn ihr weiterscrollt und euch nicht aufregt, ist euer Tag viel besser.

Und jetzt bin ich auf eure Meinungen gespannt 🙂

tl;dr: Erst nachdenken, dann twittern / posten / sharen und mehr Nächstenliebe bitte.


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